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WP Engine vs. Automattic: Schlichtung gescheitert – was jetzt auf WordPress zukommt

Der Vergleichsversuch vom 9. Juli blieb erfolglos. Nach über 20 Anträgen, einem umstrittenen Mullenweg-Verhör und dem Beitritt von WooCommerce als Beklagtem steuert der Fall auf einen Prozess zu.

Der Vergleichsversuch vom 9. Juli blieb erfolglos. Nach über 20 Anträgen, einem umstrittenen Mullenweg-Verhör und dem Beitritt von WooCommerce als Beklagtem steuert der Fall auf einen Prozess zu.

Der Rechtsstreit zwischen WP Engine und Automattic lässt der WordPress-Community keine Ruhe. Nachdem sich die öffentliche Diskussion nach dem stürmischen Jahr 2024 und dem Frühjahr 2025 etwas beruhigt hatte, kehrte das Verfahren im Sommer 2026 mit neuer Wucht in die Schlagzeilen zurück: Ein sechsstündiges Schlichtungsgespräch am 9. Juli 2026 scheiterte, ohne eine Einigung zu erzielen. Beide Seiten stehen jetzt fast sicher vor einem Prozess – und die Konsequenzen für das gesamte WordPress-Ökosystem könnten erheblich sein.

Was am 9. Juli passiert ist

Das Gericht hatte beide Seiten zu einer Settlement Conference eingeladen – einem letzten Versuch, den Fall außergerichtlich zu lösen, bevor er in die Hauptverhandlung geht. Das Gespräch dauerte sechs Stunden und endete ohne Ergebnis. Laut Berichten aus dem Verfahren waren nicht alle relevanten Entscheidungsträger anwesend, weshalb das Gericht eine Folgeveranstaltung anregte, diesmal ausschließlich mit Führungskräften und internen Rechtsberatern.

Ob diese Folgeveranstaltung stattfindet und ob sie zu einem anderen Ergebnis führt, ist offen. Die Signallage ist jedoch eindeutig: Weder WP Engine noch Automattic scheinen derzeit bereit, substantielle Zugeständnisse zu machen. Der Prozess rückt näher.

Der Discovery-Streit: Mehr als 20 Anträge in drei Tagen

Bevor die Settlement Conference überhaupt stattfand, hatte das Verfahren bereits einen neuen Höhepunkt an Komplexität erreicht. Nachdem die Discovery-Phase – die Beweiserhebungsphase des US-amerikanischen Zivilrechts – am 14. Mai 2026 offiziell geschlossen wurde, reichten beide Seiten innerhalb weniger Tage mehr als 20 Discovery-Anträge und Beschwerdeschriften ein. Jede Seite warf der anderen vor, Beweise zurückzuhalten, die Beweiserhebung zu obstruieren und die Zeit zu verschwenden.

Die Streitpunkte sind breit gefächert: Sie umfassen die Nutzung des ACF-Plugins, WP Engines finanzielle Lage, Trademark-Lizenzierungspraktiken, interne Branding-Entscheidungen und die Governance sowie Finanzierung der WordPress Foundation. Besonders brisant ist der Vorwurf von WP Engine, dass WordPress.org über Callbacks, API-Anfragen und automatische Statusabfragen Nutzerdaten gesammelt habe – IP-Adressen, Website-URLs und Hostnamen – und diese Daten dann in einem rollierenden 48-Stunden-Zyklus gelöscht worden seien, anstatt sie im Rahmen der Discovery-Pflichten zu sichern.

Das Gericht wies WP Engines entsprechende Anträge auf Herausgabe dieser Daten letztlich ab – die Vorwürfe selbst bleiben im Raum und nähren das Misstrauen zwischen den Parteien.

Mullenweg im Kreuzverhör: Ein hartes Urteil

Einer der aufsehenerregendsten Aspekte der Frühjahrsphase war die Befragung von Matt Mullenweg, dem CEO von Automattic und Mitbegründer von WordPress. Mullenweg saß für insgesamt 21 Stunden im Zeugenstuhl – und das Gericht war mit seinem Verhalten nicht einverstanden. Der zuständige Richter stellte fest, dass Mullenweg in seinem Deposition „ausweichend zu sein schien oder Zeit zu verschwenden”. WP Engine beantragte daraufhin weitere fünf Stunden für das Verhör.

Ein Deponent, dem gerichtlich attestiert wird, die Beweisaufnahme zu torpedieren, ist eine ungewöhnliche Entwicklung – und für Automattics Prozessstrategie keine gute Ausgangslage. Gleichzeitig gewann Automattic einen anderen Streitpunkt: Das Gericht erlaubte dem Unternehmen, interne Slack-Nachrichten zur Trademark-Strategie aus der Zeit vor der Klageeinreichung unter das anwaltliche Vertraulichkeitsprivileg zu stellen.

WooCommerce tritt als Beklagte bei

Eine der wichtigsten Entwicklungen des Frühjahrs ist kaum beachtet worden: WP Engine erhielt die gerichtliche Erlaubnis, WooCommerce als weiteren Beklagten in das Verfahren aufzunehmen. WooCommerce ist die weitverbreitetste E-Commerce-Lösung für WordPress und befindet sich seit der Akquisition im Jahr 2020 im Besitz von Automattic.

Was genau WP Engine WooCommerce vorwirft, geht aus den öffentlich zugänglichen Informationen nur in Umrissen hervor. Klar ist jedoch, dass der Streit damit eine neue Dimension bekommt: Aus einem Rechtsstreit zwischen einem Hosting-Anbieter und dem WordPress-Kernunternehmen wird zunehmend ein Verfahren, das den kommerziellen Kern des WordPress-Ökosystems – Themes, Plugins, E-Commerce – direkt berührt.

Was die Kernfragen wirklich bedeuten

Im Kern geht es um drei fundamentale Fragen, die das Verfahren zu beantworten versucht:

Wem gehören die WordPress-Markenrechte, und wie dürfen sie durchgesetzt werden? WP Engine hatte sich auf die Marke „WordPress” berufen, und Automattic antwortete mit einer Trademark-Klage. Wie weit das Recht reicht, Hosting-Anbieter mit Lizenzgebühren zu belegen, ist bislang ungeklärt.

Darf WordPress.org den Zugang zu Ressourcen selektiv verweigern? Der vorübergehende Entzug des Zugangs zu Plugin-Updates und Sicherheitsdaten für WP-Engine-Kunden war der Auslöser des gesamten Konflikts. Ein Urteil dazu würde Präzedenz setzen – nicht nur für WP Engine, sondern für jeden Hosting-Anbieter.

Hatte Automattic eine breitere Strategie zur Monetarisierung von Wettbewerbern? WP Engine behauptet, Automattic habe geplant, bis zu zehn Hosting-Unternehmen mit Lizenzgebühren zu belegen. Falls das stimmt und vor Gericht bewiesen werden kann, wäre das eine erhebliche Belastung für Automattics Reputation als Steward eines Open-Source-Projekts.

Was WordPress-Betreiber jetzt wissen müssen

Für Unternehmen, die ihre Website auf WordPress betreiben, ist dieses Verfahren mehr als eine Fußnote in einem Konzernstreit. Es berührt konkrete Fragen:

Plugin-Zugang und Update-Versorgung: Das Verfahren hat offengelegt, dass der Zugang zu wordpress.org-Ressourcen kein garantiertes Recht, sondern eine Praxis ist, die unter bestimmten Bedingungen eingeschränkt werden kann. Wer seine Update-Versorgung ausschließlich über WordPress.org bezieht, sollte prüfen, ob alternative Prozesse verfügbar sind – etwa über direkte Beziehungen zu Plugin-Anbietern oder über Verwaltungsplattformen wie ManageWP oder MainWP.

Hosting-Anbieter im Blick behalten: Sollte das Gericht zugunsten von Automattics Trademark-Strategie urteilen, könnten mehrere Hosting-Anbieter mit erhöhten Kosten oder veränderten Bedingungen konfrontiert werden. Das schlägt sich mittelfristig möglicherweise in Preisen oder Leistungsumfängen nieder.

Governance als strategische Frage: Der Streit hat deutlich gemacht, dass die Struktur von WordPress als Open-Source-Projekt mit einem dominierenden kommerziellen Akteur strukturelle Risiken birgt. Für Unternehmen, die langfristig auf WordPress setzen, ist es sinnvoll, diese Entwicklungen zu verfolgen und die Abhängigkeit von Einzelanbietern zu minimieren.

Einen vollständigen Überblick über das Verfahren bietet die unabhängige Konflikt-Chronik auf wpvswpe.report, die alle wesentlichen Ereignisse seit September 2024 dokumentiert.

Fazit: Ein Prozess, der das Ökosystem prägen wird

Der gescheiterte Schlichtungsversuch vom 9. Juli ist ein deutliches Signal: Dieser Fall wird vor Gericht entschieden. Ein Urteil – egal in welche Richtung – wird die Spielregeln des WordPress-Ökosystems langfristig verändern. Wer WordPress professionell betreibt, sollte die Entwicklung verfolgen und die eigene Infrastruktur auf ihre Resilienz gegenüber ökosystemischen Veränderungen prüfen.

Als WordPress-Agentur aus Frankfurt begleiten wir Unternehmen bei genau diesen strategischen Fragen: Welche Abhängigkeiten entstehen durch WordPress-Einsatz, wie minimiert man Risiken in der Plugin-Versorgung, und wie bleibt eine Website auch dann stabil, wenn sich die Rahmenbedingungen des Ökosystems verschieben.

Quellen

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