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WP Engine vs. Automattic: Was der Rechtsstreit für WordPress-Betreiber bedeutet
Am 25. Juni 2026 findet die entscheidende Anhörung statt. Wir erklären, was der Prozess für die WordPress-Community und Ihre Website wirklich bedeutet.
Seit Herbst 2024 beschäftigt ein beispielloser Rechtsstreit die gesamte WordPress-Welt: WP Engine, einer der größten WordPress-Hosting-Anbieter, klagt gegen Automattic – das Unternehmen hinter WordPress.com – und dessen CEO Matt Mullenweg persönlich. Am 25. Juni 2026 findet die nächste entscheidende Anhörung vor einem US-amerikanischen Bundesgericht statt. Es geht um Antitrust-Ansprüche, Markenrecht, Erpressungsvorwürfe und die grundlegende Frage, wer die Macht über das WordPress-Ökosystem kontrolliert.
Wie alles begann
Den Ausgangspunkt des Konflikts bildete der WordCamp US im September 2024. Matt Mullenweg machte in einer öffentlichen Rede und in einem Blogbeitrag auf dem Automattic-Blog abwertende Kommentare über WP Engine: Er bezeichnete das Unternehmen als einen Parasiten, der massiv vom Open-Source-Projekt WordPress profitiere, ohne angemessen zurückzugeben. WP Engine zahle weder einen angemessenen Beitrag zum WordPress-Core-Entwicklungsteam noch unterstütze es die Community finanziell.
Kurz darauf folgte ein aggressiver Schritt: Automattic sperrte WP Engine vorübergehend den Zugang zu WordPress.org. Damit konnten Hunderttausende von WP-Engine-Kunden keine Plugin- und Theme-Updates mehr über das offizielle Verzeichnis herunterladen. Für Nutzer und Agenturen, die auf WP Engine hosten, war das ein unmittelbares Sicherheitsproblem – ohne Updates werden Sicherheitslücken in Plugins nicht geschlossen.
WP Engine reagierte im Oktober 2024 mit einer Klage vor dem US-Bundesgericht in San Francisco.
Die Vorwürfe im Detail
Die dritte geänderte Klageschrift, die WP Engine im Februar 2026 nach Zugang zu bisher versiegelten Discovery-Dokumenten eingereicht hat, enthält schwerwiegende Vorwürfe:
Antitrust-Verstöße: WP Engine wirft Automattic Monopolisierung, versuchte Monopolisierung sowie zwei sogenannte „Tying Claims” vor. Der Kernvorwurf: Automattic nutze seine Kontrolle über WordPress.org und die WordPress-Wortmarke, um Hosting-Anbieter zu Lizenzgebühren zu zwingen. Laut der Klageschrift soll Mullenweg konkret geplant haben, zehn verschiedene Hosting-Unternehmen mit Trademark-Lizenzgebühren zu belegen.
Reale Zahlungen bereits in Gang: Die Klageschrift behauptet, dass Newfold Digital – ein Portfolio-Unternehmen, zu dem Bluehost und HostGator gehören – bereits Zahlungen an Automattic leistet. Damit wäre WP Engine nicht der erste Fall, sondern Teil eines systematischen Vorgehens.
CFAA-Klage wegen Erpressung: Zusätzlich klagt WP Engine nach dem Computer Fraud and Abuse Act und wirft Automattic vor, durch die Sperrung des WordPress.org-Zugangs Erpressung betrieben zu haben.
Stripe-Intervention: Laut Klageschrift soll Mullenweg auch versucht haben, den Zahlungsdienstleister Stripe dazu zu bringen, seinen Vertrag mit WP Engine zu kündigen. Ein direktes Eingreifen in die Geschäftsbeziehungen eines Wettbewerbers.
Automattics Gegenposition
Automattic, Mullenweg und WooCommerce Inc. haben einen Antrag auf Teilabweisung der Klage gestellt. Sie fordern die Einstellung der vier Antitrust-Ansprüche sowie der CFAA-Klage. Automattics Argument: WordPress.org sei eine private Initiative, kein öffentliches Gut – und WP Engine habe keinen Rechtsanspruch auf Zugang dazu.
Gleichzeitig hat Automattic selbst Gegenforderungen gestellt: WP Engine soll die WordPress-Wortmarke irreführend verwendet und Kunden getäuscht haben. Zudem wirft Automattic WP Engine vor, Beweise zurückzuhalten und in einem Verfahren über zurückgehaltene Dokumente häufen sich die gegenseitigen Vorwürfe.
Das Gericht hat einen Jury-Prozess für September 2027 angesetzt. Bis dahin wird weiter verhandelt, ob einzelne Ansprüche überhaupt vor Gericht zugelassen werden.
Die Anhörung am 25. Juni 2026
Am 25. Juni 2026 findet die Anhörung zu den wechselseitigen Anträgen auf Abweisung statt. Das Gericht entscheidet dann, welche Klagepunkte von WP Engine und welche Gegenforderungen von Automattic weiter verfolgt werden dürfen.
Insbesondere die Antitrust-Vorwürfe haben weitreichende Konsequenzen: Wenn das Gericht diese Ansprüche zulässt, käme es zu einem umfassenden Discovery-Prozess über Automattics Geschäftspraktiken mit anderen Hosting-Anbietern. Das könnte den gesamten Umfang der Trademark-Lizenzierungsstrategie von Automattic öffentlich machen.
Was bedeutet das für WordPress-Betreiber?
Für Unternehmen, die ihre Website auf WordPress betreiben, ist dieser Rechtsstreit aus mehreren Gründen relevant:
Hosting-Wahl und Plugin-Zugang: Der Konflikt hat gezeigt, dass der Zugang zu WordPress.org-Ressourcen – Plugin-Updates, Theme-Downloads, Sicherheits-Patches – nicht als selbstverständlich angesehen werden darf. Wer auf einem Hoster liegt, mit dem Automattic im Streit ist, riskiert Unterbrechungen im Update-Prozess.
Ökosystem-Stabilität: Zwei der größten Akteure im WordPress-Umfeld streiten sich vor Gericht um fundamentale Fragen: Wem gehören die WordPress-Markenrechte? Darf WordPress.org selektiv den Zugang verweigern? Die Antworten werden das Ökosystem langfristig prägen.
Marktkonsolidierung: Wenn Automattic tatsächlich systematisch Lizenzgebühren von Hosting-Anbietern verlangt, könnte das zu einer Konsolidierung führen. Kleinere Hosting-Anbieter könnten sich keine zusätzlichen Marken-Lizenzkosten leisten, was den Markt weiter zugunsten weniger großer Anbieter verschieben würde.
Governance-Debatte: Der Rechtsstreit hat eine tiefere Debatte ausgelöst, die noch nicht abgeschlossen ist: Wie wird WordPress als Open-Source-Projekt eigentlich kontrolliert? Wer trifft Entscheidungen über WordPress.org? Die strukturellen Fragen, die 2024 aufgeworfen wurden, sind auch 2026 ungelöst – auch wenn die Community lauter öffentlicher Diskussionen müde geworden ist.
Was ist für Ihre WordPress-Website zu tun?
Konkret sollten Sie Folgendes prüfen:
- Wissen Sie, auf welchem Hoster Ihre Website liegt und ob dieser vom Streit potenziell betroffen sein könnte?
- Haben Sie Ihren Plugin-Update-Prozess dokumentiert? Wenn Updates über ein alternatives System laufen, kann ein Unterbruch des WordPress.org-Zugangs schnell zur Sicherheitslücke werden.
- Haben Sie eine lokale Kopie aller genutzten Plugins? Im Fall eines Zugangsverlusts zu wordpress.org können Sie so trotzdem auf kompatible Versionen zurückgreifen.
Für Unternehmen, die ohne eigene IT-Abteilung arbeiten, ist es schwierig, solche Entwicklungen kontinuierlich im Blick zu behalten. Als WordPress-Agentur aus Frankfurt begleiten wir Unternehmen nicht nur beim Aufbau und der Pflege ihrer Websites, sondern auch bei der strategischen Einordnung von Entwicklungen im WordPress-Ökosystem – damit Ihre Website auch dann stabil und sicher bleibt, wenn sich die Spielregeln des Ökosystems ändern.
Quellen
- Automattic planned to target 10 competitors with royalty fees, WP Engine claims in new filing — r/wordpress
- WordPress vs WP Engine Conflict Timeline: Complete History — r/wordpress
- The people arguing about WordPress went quiet in 2026 and the problems that caused the argument are still there — r/wordpress